Allgemeiner Teil
DIE ERREGER
Die in diesem Buch zu besprechenden Krankheitserreger lassen sich in zwei große Gruppen einteilen, die in ihrer Biologie sehr unterschiedlich sind: Bakterien und Viren (Abbildung 1).
Abbildung 1:
Größenvergleich der Wirtszelle mit einem
Bakterium und einem Virus.
Bei den Bakterien, im Deutschen “Spaltpilze” genannt, handelt es sich um einzellige Lebewesen, die den Pflanzen biologisch näher stehen als den Tieren. Sie unterscheiden sich jedoch in wesentlichen Merkmalen – z.B. dem Fehlen eines erkennbaren Zellkerns – von den echten Pflanzen, die zusammen mit den Tieren als Eukaryonten bezeichnet werden, und stellen den Stamm der Prokaryonten. Sie können sich in einer geeigneten Umgebung eigenständig vermehren und sind nicht auf die Hilfe von Zellen oder Organismen angewiesen. Daher lassen sich Bakterien auf unbelebten Nährböden anzüchten und anhand verschiedener Wachstumskriterien eindeutig klassifizieren. Obwohl viele Bakterien auch innerhalb einer Zelle wachsen und deren Funktion beeinträchtigen können, ist eine wirkliche Abhängigkeit von der tierischen Zelle (“ein obligater Zellparasitismus”) die große Ausnahme. Da Bakterien also einen eigenen Stoffwechsel haben, der sich in vielerlei Hinsicht von dem der tierischen Zellen unterscheidet (z.B. die Synthese einer Zellwand, die den tierischen Zellen fehlt), ist diese Gruppe auch gezielt durch Substanzen angreifbar, die für den tierischen Organismus harmlos sind. Diese Stoffe sind z.B. die verschiedenen Antibiotika oder Chemotherapeutika. Die zielgerichtete Therapie einer bakteriellen Infektion ist also prinzipiell möglich.
Viren unterscheiden sich grundlegend von den Bakterien, denn sie sind keine eigenständigen Lebewesen und daher immer auf Virus so groß wie ein Fußball. Viren haben ferner keinen eigenen Stoffwechsel, ihre Proteine werden ausschließlich durch die Wirtszelle hergestellt und sie können deshalb auch nicht auf unbelebten Nährböden gezüchtet werden. Da die Vermehrung von Viren sehr eng mit dem Wachstum der Wirtszelle verbunden ist, ist auch ihre selektive Bekämpfung unter Schonung der Zelle sehr schwierig und für die meisten Viren bis heute nicht möglich.
Obwohl Viren einen relativ einfachen Bauplan besitzen, haben wir es mit einer sehr uneinheitlichen Gruppe zu tun. Sie unterscheiden sich erheblich in ihrer Größe, ihrem Aufbau und ihrer Biologie. Sie können ganz unterschiedliche, jedoch in aller Regel sehr spezifische Krankheiten verursachen und auf verschiedenen Wegen in den Wirtspopulationen verbreitet werden. Eine wichtige Einteilung erfolgt nach ihrem Aufbau: Man unterscheidet unbehüllte von behüllten Viren. Letztere haben um ihren Proteinmantel eine zusätzliche Hülle, die von der Zellmembran der Zelle stammt, aus der das Virus freigesetzt wurde. Dies ist insofern von großer Bedeutung, als behüllte Viren sehr viel empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen und Desinfektionsmitteln sind und zum Beispiel bereits durch eine einfache Seifenlösung wirkungsvoll inaktiviert werden.
DIAGNOSTIK
Da die Symptome einer Infektionskrankheit in aller Regel nur den Verdacht der entsprechenden Erkrankung zulassen, ist der Nachweis des Erregers für eine endgültige Diagnose notwendig. Grundsätzlich ist die Diagnose durch die Kultivierung des Erregers auf Nährböden (Bakterien) oder in Zellkulturen (Viren) möglich. Einfacher ist aber in der Regel der Nachweis von Bestandteilen des Virus, z.B. von bestimmten Eiweißstoffen durch Immunfluoreszenz oder von der Nukleinsäure des Erregers mit Hilfe der Polymerase-Kettenreaktion (PCR).
Im Gegensatz zu diesen als direkter Erregernachweis bezeichneten Methoden ist der Antikörpernachweis zur Feststellung einer Infektion nur begrenzt aussagekräftig. Denn Antikörper sind die Folge einer Infektion, d.h., wie auf den nächsten Seiten im Detail ausgeführt wird, letztlich die Reaktion die Körpers auf die Infektion. Es ist daher häufig nicht zu entscheiden, ob die nachgewiesenen Antikörper gegen eine gerade ablaufende Infektion gebildet worden sind oder von einer früheren, aber lange abgeschlossenen Auseinandersetzung des Organismus mit dem Erreger herrühren.
ÜBERTRAGUNGSWEGE
Die Übertragungswege von Viren und Bakterien sind grundsätzlich vielschichtig, stellen aber für den einzelnen Krankheitserreger eine konstante Eigenschaft dar (Abbildung 2).
Abbildung 2:
Verschiedene wichtige Übertragungswege von Infektionserregern. Neben den hier zusammengestellten direkten Übertragungswegen, die einen Hund-zu-Hund-Kontakt voraussetzen, spielen auch indirekte Übertragungswege, zum Beispiel das Verschleppen eines Erregers an der Schuhsohle oder der Kleidung des Tierbesitzers eine Rolle.
Fast alle Viren und Bakterien des Hundes können durch direkten Hund-zu-Hund-Kontakt übertragen werden, unabhängig davon, ob sie über Kot, Urin, Speichel oder Nasensekret ausgeschieden werden.
Daneben spielt für einige Keime auch die indirekte Übertragung durch mit dem Erreger behaftete Gegenstände oder Exkremente eine große Rolle. Dieser Ansteckungsweg ist um so wichtiger, je stabiler ein Virus oder Bakterium ist. Ein gutes Beispiel dafür ist das canine Parvovirus (der Erreger der Katzenseuche des Hundes), das in großen Mengen mit dem Kot infizierter Tiere ausgeschieden wird und monatelang in der Umwelt infektiös bleiben kann. Dadurch kann es leicht an verschmutzten Schuhsohlen verschleppt und auf diese Weise sogar unbemerkt auf andere Kontinente gebracht werden. Andere Erreger benötigen zu ihrer Übertragung belebte Vektoren, wie zum Beispiel Zecken im Falle der Erreger der Borreliose oder der FrühsommerMeningoenzephalitis (FSME). Wieder andere werden nicht direkt von Hund zu Hund, sondern von anderen Tieren übertragen, wie im Falle der gelegentlich beim Hund isolierten Leptospiren-Bakterien. Mäuse und Ratten sind hier die eigentlichen Wirte, die das Bakterium mit dem Urin ausscheiden. Mit Nagerurin verseuchte Teiche oder Baggerseen stellen in diesen Fällen die Infektionsquellen für den Hund (und auch den Menschen) dar.
Die Übertragungswege sind sehr vielseitig, und ihre Kenntnis ist daher wichtig, um das Risiko einer Infektion zu minimieren.
IMMUNITÄT
Der Hund reagiert nach Kontakt mit dem Virus oder Bakterium mit einer Immunantwort. Er produziert körpereigene Abwehrzellen (Lymphozyten), die gezielt die Erreger und – besonders wichtig – die Zellen, in denen sie sich vermehren (die “Virusfabriken”), zerstören. Daneben produzieren einige Lymphozyten bestimmte Eiweißstoffe, sogenannte Antikörper, die ebenfalls den Erreger angreifen und neutralisieren können. Im günstigsten Fall, und das ist die Regel nach einer Infektion, reichen diese Schutzmaßnahmen aus, um den Erreger unschädlich zu machen. Der Hund zeigt dabei keine oder nur sehr milde und unspezifische Krankheitssymptome. Reicht die Abwehr dagegen nicht aus, so kommt es zur Erkrankung und unter bestimmten Bedingungen auch zum Tod des Tieres. Nach überstandener Infektion bleiben die Abwehrzellen erhalten, können bei erneutem Kontakt mit dem Erreger rasch aktiviert werden und diesen dann schnell vernichten. Dieses Phänomen nennt man Immunität.
Mit der Impfung versucht man nun diesen natürlichen Vorgang nachzustellen, allerdings ohne dabei eine Krankheit auszulösen. Wichtig ist an dieser Stelle zu betonen, dass eine Impfung daher bestenfalls eine ebenso gute, nie aber eine bessere Immunität induzieren kann als die, die nach einer Krankheit und Feldinfektion aufgebaut wird. Das bedeutet aber auch, dass diejenige Impfung die beste Immunität induziert, die am stärksten eine Feldinfektion imitiert.
