Virusinfektionen bei Katzen


Eine Informationsschrift für
Katzenbesitzer

von Hans Lutz – Veterinärmedizinisches Labor Universität Zürich
herausgegeben von
Virbac Tierarzneimittel GmbH


Einleitung

Das Interesse an der Katzenhaltung hat im Verlaufe der letzten 20 Jahre laufend zugenommen. In den meisten westeuropäischen Ländern dürfte die Zahl der Hauskatzen jene der Hunde wesentlich übersteigen. Als Beispiel sei die Schweiz erwähnt, wo rund dreimal mehr Katzen gehalten werden als Hunde (Abb. 1). Die Katzenhaltung ist unter anderem deshalb attraktiv, weil die Katze – ganz im Gegensatz zum Hund – während längerer Zeit unbeaufsichtigt in der Wohnung sich selbst überlassen werden kann, weil sie in der Regel mit den sie betreuenden Personen ein sehr enges Verhältnis hat und weil sie kostengünstig ist.





Immer mehr Katzenbesitzer wollen sich über die Erkrankungsmöglichkeiten ihrer Haustiere informieren. Diese Broschüre richtet sich an Katzenbesitzer, die sich für Krankheitsbilder, Ursachen sowie Behandlungs- und Vorbeugemöglichkeiten von Viruserkrankungen ihrer Katzen interessieren.

Mit Abstand die wichtigsten Ursachen für Erkrankungen unserer Hauskatzen sind Virusinfektionen.

  • Abb. 1: Zahlenvergleich der Hunde- und Katzenhaltung in der Schweiz 1994
  • Abb. 1: Zahlenvergleich der Hunde- und Katzenhaltung in der Schweiz 1994

Abb. 1:
Zahlenvergleich der Hunde- und Katzenhaltung in der Schweiz 1994: Es leben rund 3 mal mehr Katzen in der Schweiz als Hunde.

Diese Broschüre gibt eine kurze Übersicht über die wichtigsten Aspekte bei Virusinfektionen unserer Hauskatze und schafft damit die Grundlage für eine bessere Krankheitsvorbeugung und tiergerechtere Haltung. Ferner soll diese Schrift dazu beitragen, den Katzenbesitzern tiermedizinische Aspekte näherzubringen und die Kommunikation zwischen ihnen und den Tierärzten zu verbessern.


Viren und wie die Katze mit ihnen umgehen kann

Der Begriff Virus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Schleim, Gift. Bei den Viren handelt es sich um äusserst kleine Krankheitserreger, die in Form von Partikeln bei allen Säugetieren vorkommen. Sie können nur im Elektronenmikroskop dargestellt werden. Die Grösse der verschiedenen Viren variiert zwischen 20 und 300 Nanometern, womit sie 3 mal bis 50 mal kleiner sind als Bakterien (Abb. 2).

  • Abb. 2: Grössenvergleich verschiedener Viren
  • Abb. 2: Grössenvergleich verschiedener Viren


Abb. 2:
Grössenvergleich verschiedener Viren: Die Abbildung zeigt die wichtigsten Viren der Katze schematisch dargestellt. Auf der linken Seite sind die behüllten Viren, auf der rechten Seite die unbehüllten abgebildet.
Der Erreger der Katzenseuche, das Parvovirus, ist das kleinste Katzenvirus von Bedeutung. Zum Grössenvergleich: die Länge des kleinen Balkens entspricht 1/10 eines tausendstel Millimeter und damit etwa 1/10 eines Bakteriums, das zum Vergleich ebenfalls dargestellt ist.

Allen Viren gemeinsam ist, dass sie sich – im Gegensatz zu den Bakterien – nicht selber vermehren können, sondern hierzu auf eine lebende Zelle angewiesen sind.

Die genetische Information eines Virus ist in einer Nukleinsäure gespeichert, die zusammen mit Eiweissmolekülen im Virusinnenkörper enthalten ist. Bei einigen der für die Katze wichtigen Viren ist dieser Virusinnenkörper von einer Hülle umgeben, welche aus Fett- und Eiweissmolekülen aufgebaut ist. Diese Hülle wird dem Virus von der Zelle zur Verfügung gestellt, in welcher die Virusvermehrung stattgefunden hat. Da die Hülle nicht sehr stabil ist, können Viren mit Hülle im allgemeinen sehr leicht durch Desinfektionsmittel oder auch gewöhnliche Haushaltsseifen inaktiviert werden. Dagegen sind Viren ohne Hülle gegenüber Desinfektions- und Reinigungsmitteln in der Regel wesentlich widerstandsfähiger. Als besonderes Beispiel ist hier der Erreger der Katzenseuche, das Parvovirus, zu erwähnen, welches an der Aussenwelt ausserordentlich stabil bleibt.

Voraussetzung für eine Virusinfektion ist die Virusvermehrung im Katzenkörper. Dazu muss das Virus in die Körperzellen eindringen können, wo die genetische Information des Virus durch die Maschinerie der Zellen vermehrt wird und auch die Viruseiweiss-Stoffe hergestellt werden (Abb. 3).

  • Abb. 3: Schematische Darstellung der Virusvermehrung in einer Körperzelle
  • Abb. 3: Schematische Darstellung der Virusvermehrung in einer Körperzelle

Abb. 3:
Schematische Darstellung der Virusvermehrung in einer Körperzelle: Das Virus kann sich an eineZelle anheften, indem sich die Komponenten der Virushülle an spezielle Moleküle, sogenannte Rezeptoren, anlagern (1). Nach der Anheftung kommt es zu einer Verschmelzung der Virusmembran mit der Membran der Zelle und zum Eintritt des Virusinnenkörpers in das Zellinnere (2). Der Träger des genetischen Materials des Virus (ein RNA- oder ein DNA-Molekül) wandert (3) zu speziellen Strukturen der Zelle, wo der genetische Code in Eiweissmoleküle umgesetzt wird (4). Die neu entstandenen Eiweissmoleküle lagern sich aneinander an, wodurch neue Viruspartikel entstehen (5). Diese verlassen die Zelle (6). In vielen Fällen gehen die Zellen während dieses Vermehrungszyklus des Virus zugrunde, wodurch Krankheitserscheinungen erklärt werden können.

Eine durch ein Virus infizierte Zelle kann Tausende von Viruspartikeln nach aussen freisetzen, ohne dass sie dabei zugrunde geht (Beispiel: Leukämievirus). In vielen Fällen wird die Zelle während der Virusvermehrung jedoch zerstört, und es kommt erst nach Untergang der Zelle zur Freisetzung der Viruspartikel (ein Beispiel ist das Coronavirus, welches bei der Entstehung der felinen infektiösen Peritonitis/FIP eine wichtige Rolle spielt).

Im Anschluss an die meisten Virusinfektionen der Katze kommt es zur vollständigen Genesung. Der Heilungsprozess wird ermöglicht durch ein wirkungsvolles Funktionieren des Immunsystems. Durch das Immunsystem können Antikörpermoleküle gebildet werden, die in der Lage sind, sich ganz spezifisch an Viruspartikel anzulagern und diese dadurch zu neutralisieren. Neben Antikörpern produziert das Immunsystem aber auch weisse Blutzellen, die Lymphozyten, welche infizierte Zellen erkennen und eliminieren können (Abb. 4). Wie man sieht, ist die Katze also in einem hohen Masse auf ein funktionierendes Immunsystem angewiesen, falls sie eine Virusinfektion überleben soll.

 
  • Abbildung 4: Schematische Darstellung der Bekämpfung einer durch ein Virus infizierten Zelle
  • Abbildung 4: Schematische Darstellung der Bekämpfung einer durch ein Virus infizierten Zelle

Abbildung 4:
Schematische Darstellung der Bekämpfung einer durch ein Virus infizierten Zelle durch das Immunsystem. In dieser schematischen Abbildung wurde das Virus von der Zelle vermehrt, und es ist bereit, die Zelle an mehreren Stellen zu verlassen (1). Gegen das Virus gerichtete Antikörpermoleküle heften sich an die äussersten Komponenten des Virus, die Virushülle, an (2). Viren, die so von Antikörper “dekoriert” sind (3), können keine neuen Zellen mehr infizieren. Ausser von Antikörpern werden Virusbestandteile auf der Zelloberfläche auch von Lymphozyten erkannt (4). Das Immunsystem verfügt über Lymphozyten mit verschiedenen Funktionen. Die hier gezeigten Lymphozyten sind in der Lage, eine virusinfizierte Zelle zu zerstören. Auch dadurch wird die Virusvermehrung gehemmt. Wenn der Tierarzt die Katze impft, regt er beim gesunden Tier die Bildung der hier schematisch dargestellten Antikörper und Lymphozyten an.

Heute gibt es gegen fast alle Virusinfektionen der Katze Impfstoffe.

Bei den Impfungen muss berücksichtigt werden, dass diese nur dann Aussicht auf Erfolg haben, wenn die zu impfende Katze nicht schon mit den entsprechenden Viren infiziert ist. Da viele Infektionskrankheiten zu einer Schwächung des Immunsystems führen, ist es ferner eminent wichtig, dass die zu impfenden Tiere zum Zeitpunkt der Impfung gesund sind. Wird eine Katze geimpft, die krank ist, führt dies nicht oder nur teilweise zum erwarteten Schutz. Der Tierarzt wird die zu impfende Katze anlässlich der Impfung zwar untersuchen. Die Beobachtung der Katze durch den Besitzer ist aber in vielen Fällen mindestens genau so wichtig, da der Besitzer Krankheitssymptome wie zum Beispiel Fressunlust oder Schnupfen (Niesen) bei seiner Katze zu Hause besser feststellen kann als der Tierarzt in seiner Praxis. Falls der Besitzer bei seiner Katze solche Symptome beobachtet, sollte er den Tierarzt vor der Impfung darüber informieren. Virusinfektionen sind in vielen Fällen nicht nur für die Katze, sondern auch für den Tierbesitzer und den Tierarzt belastend, da die bei bakteriellen Infektionen wirksamen Antibiotika gegen Viren keine hemmende Wirkung zeigen. Damit Virusinfektionen wirkungsvoll bekämpft werden können, ist die Kenntnis der Übertragungsmöglichkeiten, der Hygienemassnahmen und Impfmöglichkeiten äusserst wichtig.

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